Heftehaufen

Die verlorenen Jahrhunderte – Die Leben des Blaise O’Donnell

Eine Rezension von Markus Regler

Im letzten Teil der Kurzromanserie „Die verlorenen Jahrhunderte“ dreht sich alles um die Unsterblichkeit. Ich habe mich besonders auf diesen Roman gefreut, da er auf die Träger der Zellaktivatoren der Gemeni eingeht. Diese wurde im vergangenen Zyklus kaum betrachtet, obwohl tausende Galaktiker mit den Geräten ausgestattet wurden. Man erfuhr aber bereits, dass die Zellaktivatoren der Gemeni ein Ablaufdatum haben, mithin die natürliche Lebensspanne nur wenige Jahrhunderte verlängern.
Außerdem wurde der Roman von Michael Marcus Thurner verfasst, dessen Geschichten ich sehr mag und der auch Band 3003 vorgelegt hat. Auch dort tritt der titelgebende Blaise O’Donnell auf, sodass die Kurzromanserie gewissermaßen in die Hauptserie einmündet. Über diesen Roman möchte ich hier allerdings keine weiteren Worte verlieren.

Zum Inhalt

Ab hier gilt wieder: Spoilerwarnung, denn es geht um den Inhalt des Romans.

Blaise O’Donnell lebt zum Handlungszeit auf dem Planeten Tondonar und vergnügt sich mit einer seiner Lebensabschnittsgefährtinnen. Im Jahre 1831 NGZ lebt er seit mehr als dreihundert Jahren und hat im Laufe der Zeit ein nicht unbeträchtliches Vermögen angehäuft. Gleichermaßen lebt er seit einiger Zeit unter unterschiedlichen Identitäten, um seine Unsterblichkeit zu verschleiern. Diese ist allerdings aktuell stark gefährdet, denn sein Zellaktivator funktioniert nicht mehr optimal und es ist absehbar, dass er in Bälde endgültig den Geist aufgibt.

Während er durch das planetare virtuelle Netz streift, trifft er auf die Spur eines weiteren Unsterblichen. Er nimmt Kontakt zu ihm auf und lernt so Hsao-Darling kennen. Zwischen beiden entwickelt sich eine Freundschaft. Beide sind glücklich darüber, offen über die Probleme, die das ewige Leben mit sich bringt, reden zu können. Denn auch wenn Tausende einen Zellaktivator der Gemeni erhalten haben, so läuft man sich nicht regelmäßig über den Weg. Zumal nur noch wenige Hundert von ihnen am Leben sind, da die Aktivatoren teilweise sehr früh ihre Tätigkeit eingestellt haben.

Hsao-Darling ist seines Lebens müde. Seit seine Frau – ebenfalls Aktivatorträgerin – gestorben ist, findet er keine Erfüllung mehr im Leben. O’Donnell glaubt, ihm helfen zu können, denn er stellt fest, dass ihrer beiden Zellaktivatoren einander stabilisieren können, wenn sie sich nahe sind.
Aber er muss schockiert erfahren, dass Hsao-Darling ursprünglich zusammen mit seiner Frau den Plan hatte O’Donnells Leben zu zerstören. Die Unsterblichkeit hatte sie in einen Rausch der Überlegenheit getrieben, in dem es ihnen gefiel, andere Menschen zu vernichten. Nach ihrem Tod erlebte Hsao-Darling eine Läuterung und wollte Blaise vor einem ähnlichen Schicksal bewahren. Er schlich sich in dessen Leben ein, um ihm eine Lektion zu erteilen.
Nach seinem Geständnis übergibt er Blaise seinen Zellaktivator und Informationen über eine weitere Unsterbliche auf Tondonar und begeht Selbstmord.

Blaise O’Donnell spürt diese Unsterbliche, Mate Ungestolz, auf. Nach anfänglichem Misstrauen nähern sich die beiden einander an und beginnen eine Beziehung. Mate Ungestolz nutzt ihre Unsterblichkeit und das dadurch angehäufte Vermögen, um die Natur auf Tondonar zu schützen und als Grundlage für den Tourismus des Planeten zu erhalten. Blaise will sie dabei unterstützen, um seinem Leben einen nachhaltigen Sinn zu geben.

Doch auch diesmal wird O’Donnell enttäuscht. Er beobachtet, wie Ungestolz ihre Leibwächter mit seiner Tötung beauftragt. Ihr Ziel ist sein Zellaktivator. Nach seinen Erfahrungen mit Hsao-Darling hat O’Donnell jedoch vorgesorgt und einen Teil von Ungestolz’ Leuten auf seine Seite gezogen. Er nimmt ihr den Aktivator ab und lässt sie töten.

Gleichzeitig hat er auch erkannt, was ihn in seinem Innersten antreibt: Machtgier. Mit diesem neuen Motor will er Tondonar den Rücken kehren. In der letzten Szene wird die Brücke geschlagen zu Band 3003 der Erstauflage.

Was erfahren wir über die Milchstraße?

Wenig und die Fingerzeige sind nicht übermäßig überraschend.

An einer Stelle surft O’Donnell im planetaren Netz „an obskuren Gruppenunterhaltungen vorbei, in denen es um Terra ging, um Verschwörungstheorien, um Gewaltphantasien, um sexuelle Ausschweifungen.“ Hier tauchen die Begriffe Terra und Verschwörungstheorie zumindest im selben Satz auf. Später nennt Blaise im Gespräch mit Mate Ungestolz die Unsterblichen Perry Rhodan und Atlan, der Rest der Riege ist ihm namentlich nicht mehr präsent. „Sie sind aus den Erinnerungen gelöscht. Weil sie nichts Nachhaltiges bewirkt haben“, sagt er.
Es scheint, dass zu diesem Zeitpunkt im Jahr 1831 NGZ das Wissen um Terra und unsere Helden langsam aus dem Bewusstsein der Galaktiker schwindet.

Ob der in der Hauptserie genannt Posizid hier schon eine Rolle spielt oder ob es sich um Nachwirkungen des Weltenbrandes handelt, bleibt unbeleuchtet.
Der Weltenbrand selbst scheint keine Auswirkungen mehr zu haben, er scheint abgeebbt. Dennoch verschlechtern sich die Reisebedingungen in der Milchstraße, wie es einmal heißt. Die Gründe dafür erfährt man nicht.

Was macht den Roman aus?

Die Geschichte dreht sich um die Frage, wie man mit der Unsterblichkeit umgeht. In dieser Hinsicht ist sie eine Weiterführung von „Der bestellte Tod“ von Michelle Stern. Während Stern nur Fitz Klemm als unsterbliche Figur zur Verfügung hat, gönnt sich Michael Marcus Thurner gleich drei davon und kann so unterschiedliche Herangehensweise an das Thema „ewiges Leben“ schildern.

Eine Gemeinsamkeit, die Blaise O’Donnell, Hsao-Darling und Mate Ungestolz teilen, ist ein sehr unstetes Leben. Um nicht aufzufallen, sind sie gezwungen von Zeit zu Zeit den Lebensmittelpunkt zu wechseln und gegebenenfalls eine andere Identität anzunehmen. Auch Fitz Klemm wählte diesen Weg.

Die finanzielle Lage ist hingegen durchweg positiv, da man mit entsprechend hohem Zeitbudget sein Vermögen stetig vermehren kann.

Unsterblichkeit macht einsam. Liebgewonnene Menschen, Verwandte, Freunde und (Lebens-)Partner sterben, während man selbst alles überdauert. Daher wählen die Unsterblichen entweder ein beziehungsloses Leben wie Mate oder eines voller Kurzzeitverhältnisse wie Blaise. Aufgrund seiner Erfahrung und seines Vermögens ist die Verführung einer Frau zwar keine Herausforderung mehr, der Reiz ist aber noch nicht verflogen. Die Frauen selbst vermögen dann aber kein Prickeln mehr bei ihm hervorzurufen. Man hat eben irgendwann alles erlebt.
Der einzige halbwegs befriedigende Ausweg ist eine Beziehung mit einem ebenfalls unsterblichen Partner, wie sie Hsao-Darling das Glück hatte zu führen.

Eine weitere Gemeinsamkeit ist eine Paranoia, die mal mehr oder weniger stark ausgeprägt ist. Schließlich ist ein Zellaktivator ein Besitz, der Neider geradezu anzieht. Also zieht man sich zurück, lässt niemanden mehr an sich heran und überprüft neue Bekanntschaften doppelt und dreifach.

Trotz aller dieser Gemeinsamkeiten gibt es auch Bereiche, in denen die Unsterblichen unterschiedliche Wege gehen. Der Sinn des Lebens/der Unsterblichkeit ist ein solcher Aspekt.

Hsao-Darling verfällt mit seiner Frau in einen Zustand der Entfesselung. Für sie manifestiert sich der Sinn, dass alles einmal ausprobiert werden muss. Drogenexzesse und menschenverachtendes Verhalten sind die Folge.
Mate Ungestolz hingegen widmet sich dem Schutz der Umwelt. Sie will ein nachhaltiges Erbe hinterlassen.
Blaise O’Donnell ist zunächst noch auf der Suche nach dem, das ihn wirklich antreibt. Erst am Ende des Romans begreift er, dass es Machtgier ist, die all die Jahre auf ihren Ausbruch gewartet hat.

Bei dem Thema „Lebensende“ treten unterschiedliche Verhaltensweisen zutage. Fitz Klemm war irgendwann des Lebens müde. Er war bereit für den Tod, wollte seine Verantwortung abgeben.
Hsao-Darling hat ebenfalls die Lust am Leben verloren. Ursächlich dafür ist aber der Verlust seiner Frau.
Blaise und Mate hingegen hängen letztendlich am Leben. Die Gier nach Leben geht sogar soweit, dass sie bereit sind dafür zu töten.

Michael Marcus Thurner führt die Konsequenzen der Unsterblichkeit sehr schön aus und zeichnet ein Bild, in dem die Unsterblichkeit überhaupt nicht erstrebenswert erscheint. Man hat irgendwann alles gesehen, es gibt kaum neue Reize, man greift zu immer extremeren Handlungsweisen. Man wird zum einsamen Paranoiker und läuft ständig Gefahr, dass die negativen Seiten in einem selbst Überhand nehmen.
Und selbst wenn man Gutes tun will (immerhin war eine gute Gesinnung ein maßgebliches Kriterium der Gemeni für die Verleihung eines Aktivators), kann die Gier nach Leben am Ende dazu führen, dass man seine guten Absichten fahren lässt.

Es wird auch die Frage gestellt, ob die unsterblichen Helden der Hauptserie diese Probleme auch hatten. Beantwortet wird sie nicht wirklich. Blaise sagt: „Sie fühlten wohl eine Art Berufung, Mate. Sie waren fanatisch in dem, was sie taten.“
Möglicherweise ist die Antwort so einfach: Sie sind eben Heldenfiguren und die haben keine profanen Probleme. Aber eine Reihe Perry Rhodan Storys: Zellaktivatorträger und wie sie mit ihrem Leben zurechtkommenhätte durchaus ihren Reiz.

Mein Fazit

Für mich ist „Die Leben des Blaise O’Donnell der beste Roman dieser kleinen Serie, ohne die anderen abwerten zu wollen. Eine sehr schöne Betrachtung der Lebenswelt relativ unsterblicher Wesen, die ich sehr genossen habe.
Ich habe die Story vor Band 3003 gelesen, wodurch die Figur Blaise O’Donnell dort mehr Tiefe hatte. Und nun frage ich mich, wie es wohl gewesen wäre, wenn ich es andersrum gemacht hätte. Ich werde es wohl nie erfahren.
Die kleine Serie hat mir sehr viel Spaß gemacht, auch wenn sich meine Hoffnung nicht erfüllt hat, mehr Details aus der Entwicklung der Milchstraße während des Zeitsprungs zu erfahren. Es war schön, Personen und Orte noch einmal Revue passieren zu lassen, und neue Facetten zum letzten Zyklus entdecken zu können.

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