Heftehaufen

Mythos Erde

Des Heftehaufens Senf zum Jubiläumsband

So, alle Welt (zumindest die rhodanistisch infizierte) spricht von Band 3000. Dann will ich doch auch mal.

Was steht drin?

Rhodan steht mit dem Rücken zur Wand, die Galaxis ist dem Untergang geweiht und komische Außerirdische tauchen auf. Die Perrypedia spoilert ausführlich, was auf 80 Heftromanseiten passiert.

Wie ist es verpackt?

Mythos Erde kommt im Hochglanzcover mit umlaufenden Titelmotiv. Das Bild zeigt Rhodan, Frau Dorksteiger, einen komischen Außerirdischen und ein paar faszinierende Raumschiffe in Augenform. Das Cover war im Vorfeld Anlass heißer Diskussionen: „Rhodan viel zu jung!“ „Rhodan mit roten Haaren!“ „beliebiges anderes Früherwarallesbesserargument einfügen“ …

Mir war das Motiv auf den ersten Blick für einen solchen Jubiläumsband etwas zu unspektakulär. Auf den zweiten Blick passt es sich sehr gut in die Reihe der Tausenderbände ein.

Sven Fesser von Fessis Neoblog stellte mir diese hübsche Galerie zur Verfügung

Der Künstler Arndt Drechsler ist bei der Vorstellung des Romans ausgiebig auf die Entstehung des Bildes eingegangen, und ich gebe zu: Je mehr ich es anschaue, umso mehr fasziniert es mich. Und was den Rhodan angeht. Keiner der in den letzten 58 Jahren gezeigten Sofortumschalter entspricht auch nur im Mindesten dem Helden, den ich mir im Kopf zurechtgelegt habe.

Arndt Drechsler zeigte in München eine frühe Vorstufe des Titelmotivs

Was ist noch dabei?

Der Innenteil versammelt eine ganze Reihe einseitiger Kurzgeschichten aktueller Autoren zum Thema „Mythos“. Sehr schön! Mein Favorit ist die Erzählung von Leo Lukas – schöner Humor. Typisch Lukas eben.

Auf der LKS durften sich die Fans und Autoren noch etwas auslassen, die in den vergangenen Wochen schon an der Social-Media-Kampagne beteiligt waren. (Ich bin auch dabei, weitere Beteiligungen sind in Band 3001 abgedruckt.)

Ach ja, im Mittelteil darf das obligatorische Jubiläumsposter nicht fehlen.

Wie hat mir der Roman gefallen?

Meine Erwartungen an den Band 3000 waren hoch. Schließlich war das mein erster großer Jubiläumsband. Den Terraner (Band 1000) hatte ich zwar vor Jahren schon einmal gelesen, aber Band 2000 spare ich mir auf, wenn er drankommt. Ist in ein paar Jahren soweit. Zwischen 1000 Raketenheften liegen 19 Jahre, also gefühlte Ewigkeiten. Voltz schrieb 1980 für eine andere Leserschaft und aus einer anderen Zeit heraus, als Feldhoff und Vlcek es neunzehn Jahre später mit „ES“ taten.

Wie also haben Christian Montillon und Wim Vandeman die große Aufgabe gelöst?

Wer einen ewigen Meilenstein wie Band 1000 beim Mythos Erde erwartet, dürfte ernsthaft enttäuscht werden. Dazu ist der Roman zu wenig monumental. Aber ganz ehrlich? Voltz schrieb „Der Terraner“ 1980 hauptsächlich für Stammleser oder Leute, die ohnehin kommen würden. Die Gedanken, die man sich heute um den Unsterblichen machen muss (Konkurrenz durch andere Medien, alternde Stammleserschaft, generelle Einbrüche bei Druckerzeugnissen), brauchte sich Meister Willy nicht zu machen. Der konnte es sich leisten, für den harten Kern zu schreiben.

Montillon und Vandeman mussten dagegen den Spagat schaffen, Bestandskunden genauso zufriedenzustellen, wie Menschen, die mit 3000 neu oder wieder einsteigen. Kein leichtes Unterfangen!

Herausgekommen ist nach meiner Meinung ein auf den ersten Blick zunächst unscheinbarer Roman mit zwei klar voneinander getrennten Handlungsebenen, die für alle Leserinnen und Leser klar verständlich sind. Solide Science Fiction mit einer gehörigen Portion Staunen, oder wie man so schön sagt: sense of wonder. So hat Rhodan zu sein!

Aber reicht das für eine Dreifach-Null? So kann Rhodan doch auch in Band 2800 oder 2900 sein. Reicht ein solide geschriebenes Raketenheft für dieses Jubiläum aus?

Aber ja doch, denn wer sagt, dass der „Mythos Erde“ lediglich solide geschrieben ist? Band 3000 schafft nämlich eine derartig freie Bühne, dass die Lektüre eine Freude ist. Neuleser werden nicht mit 58 Jahren Heftchenbalast beworfen, aber für Langleser ergeben sich genügend Fragen, was zum Henker bitteschön passiert ist, das Herr Rhodan so tief in der Klemme steckt, wie bereits auf Seite Eins des Romans. Genügend Fährten werden in den folgenden 80 Seiten ausgelegt, dass es eine wahre Wonne ist, Spekulationen anzustellen und mit anderen Fans Theorien zu spinnen, die am Ende doch alle nicht wahr sind. Oder vielleicht doch? (Ist euch aufgefallen, dass der Name Michael Rhodan im Roman fünf Mal fällt?)

Mein bescheidener Wunsch ist, dass die Expokraten den Mut haben, die angestoßenen Umwälzungen in der Milchstraße nicht bereits nach 100 Heften wieder geradezubiegen, Rhodan aus der Dusche steigen zu lassen, und alles war nur ein Traum. Neee, bitte nicht. Lass Rhodan und uns Leser ein bisschen länger in dieser neuen Milchstraße, die so viele neue und tolle Möglichkeiten bietet.

Fazit

Perry Rhodan 3000 – Mythos Erde ist ein Roman, der auf den ersten Blick gewöhnlich scheint. Wer eine Neuauflage vergangener Monumente wünscht, wird mit Sicherheit enttäuscht werden. Spätestens am Tag nach der Lektüre sollte aber klar sein, welche feines Werk Christian Montillon und Wim Vandeman hier geschaffen haben. Mit dem Jubiläumsband ist vieles neu (nicht nur Rhodans Frisur), es tun sich faszinierende Chancen auf, aber es bleibt genügend Altes, um niemanden vor den Kopf zu stoßen. Ich bin gespannt, wie lang die Expokraten den eingeschlagenen Weg gehen werden.

8 Kommentare

  1. Ja, mein lieber Martin,
    da hast du meine Meinung ziemlich gut getroffen.
    Vor allem: „Band 3000 schafft […] eine freie Bühne.“
    Aber sowas von! Wenn man das konsquent weiter zieht, ist das ein clean sweep! 2999 Hefte lange Historie ist erst mal für die Katz‘!
    Völlig neue Strukturen, nichts mehr so wie es war.
    Gut, Bully steht unter dem Sternenzelt und wartet auf seinen Perry wie damals Penelope auf Odysseus. Und er weiß sicher noch was von früher und hat vermutlich eine Festplatte mit Backups von NATHAN in der Tasche. Also alles ganz verloren sicher nicht. Und der Maghan ist auch noch da.
    Aber man könnte auf dieser frischen Leinwand ganz neue Geschichten erzählen. Deshalb schließe ich mich dir vollumfänglich an: Mut den Expokraten!

  2. Gegrüßt.
    Wo vielerorts schon Nr.3001 erschienen ist, will ich trotzdem noch vor dessen Lektüre flott mit meinen Daten das kommunikative Sediment zum Zyklusauftakt sintfluten:-)
    Obacht: Lektüre vorausgesetzt, sonst droht der böse Spoiler heimzusuchen…
    Stecke noch inmitten bzw. eher noch in den Anfängen der Jenzeitigen lande fest und weiß vom abgelaufenen Zyklus kaum etwas – die größten Spoiler und Hinweise auf Geschehenes durch die ersten drei Kurzromane der Verlorenen Jahrhunderte wohlwissend erst angelesen. Um aber endlich im Wochenrhythmus wieder live dabei zu sein und auf der Perry-HP und anderswo nicht immer Aktuelles überlesen zu müssen, sprang ich nun mitten in die Mythische Epoche.
    Bin mir daher gar nicht so sicher, ob der Zyklusauftakt so ungemein Neuleser-freundlich war, denn: es mögen 5 Jahrhunderte vergangen sein, aber nicht für Perry & Co. an Bord der RAS TSCHUBAI, weshalb wir in diesem der zwei Handlungsstränge v.a. zu Beginn mit Perry erwachen und auf das Finale von 2999 zurückblicken, als wäre es erst eben gewesen. Das letztlich nur Angerissene war für mich eher fragenaufwerfend und nicht einstiegsfreundlich, gerade weil damit kein Zeitsprungbruch erzeugt worden ist, sondern eine für Perry gefühlte Kontinuität blieb, die sich im Handlungsweiteren sicherlich nach und nach auflösen wird. Sonst werden wir Alt- wie Neuleser in eine quasi laufende Zeit geworfen und bekommen – bspw. in 2700 mit Guckys Koma und Psiverlusten – einen für Perry da schon bekannten Hammer auf den Kopf geschlagen, der sich uns erst enthüllt.
    Zur Güteklasse von 3000 als besonderer Zyklusbeginn wegen der epochemachenden Zahl: Ich fand’s nicht besonders, erwartete aber auch gar nichts Konkreteres. Klar, mit dem Zeitsprung hat man sich den Frei(zeit)raum geschaffen, um ganz neue Pflöcke einzuschlagen und die Serie auf ganz anderen Kurs jenseits bisheriger Pfadabhängigkeiten zu bringen. Aber die Art der Erzählung und der skizzenhafte Kontext, in den Perry & Co. zufällig hineinstolperten, kann groß werden, wirkte hier auf mich aber noch nicht so. Ein „sense of wonder“ auf der narrativen Ebene ergriff mich NOCH NICHT! Hinzu, dass mich die Giuna-Handlung wenig packte, sie mir unbekannt blieb (handlungsmotivisich) und ich ohnedies erklärungsbedürftig finde: sie glaubt nicht an den Mythos Erde, verneint also die Existenz dieser, nennt sich dennoch Terranerin? ENTWEDER spiele ich mit einem Mythos und gewinne darüber für (m)ein Kollektiv (Nationalstaat bspw.:
    https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2018/05/herfried-muenkler-politikwissenschaftler-neuen-mythos-deutschland
    ) eine narrative Identität, berufe mich auf ihn und leite das Hier&Jetzt von ihm her, egal wieviel dann unhistorisch durch den mythos verklärt worden ist; ODER ich tue den Mythos als bloße Fantasterei, als Hirngespinst, als nicht wissenschaftlich fundiert und belegbar ab und beziehe mich dann doch mitnichten identifikativ damit und nenne mich Terraner. Obendrein gerät sie, Giuna, sofort aus dem Tritt und zweifelt am Mythos als bloßen Mythos, kaum dass zwei dahergelaufene Agenten (von was auch immer eigentlich, bleibt für sie doch völlig fraglich, für wen sie da wofür eintreten, sie das nur opportunistisch mitnimmt und für ihre Zwecke [Gattenrettung] ausnutzt) mit etwas rhetorischer Bestimmtheit von einer existierenden Erde sprechen. Das ist mir noch viel zu vage. Wäre sie jetzt eine Rebellin wider die Cairaner, die entschieden für eine Entmythifizierung der real existierenden (oder auch nur existiert habenden) Erde einträte, wäre sie für mich griffiger gewesen. So – abwarten, verdichtet sich GANZ SICHER noch, gutmöglich wird sie (mit Lanko Ankerperson für Perry.
    Während ich also die erzählte Handlung NOCH als wenig packend empfand, bin ich auf der Meta-Ebene Feuer und Flamme und spekulationsfreudig: Posizid und Datensintflutung, Mythifizierung der Erde sind für mich perryversal verarbeitete Fake News, matrixhaft simulationsgesellschaftliche Sichtweisen a la Jean Baudrillard und somit ein intradiegetischer Kommentar auf unsere Jetztzeit, wo Wissen und Fakten im Relativen zu verschwimmen drohen und sich das Passende zurechtgebastelt wird.
    Denn auch wenn m.E. 500 Jahre zu kurz sind, um die reale Erde zu vergessen (Langlebigkeit von halutern, manch Alien oder auch nur der Siganesen), ist das auch gar nicht entscheidend, ob es noch (sicherlich genügend) Grüppchen und Einzelwesen gibt, sie sich langlebig direkt selber noch oder durch tradierte Narrative oralhistorisch (ein Leben UND DENKEN jenseits von Positroniken! Was geht bei den Messing-Arkoniden?) an die Erde und die (damaligen) Terraner erinnern. Aber selbst wenn diese wissenden Zirkel nach Außen treten und ihr Wissen kundtun, ist das nur noch eine von möglichen Sichten auf die Erde, die – so klingt es hier an – von den Cairanern ohnehin unterdrückt wird und wofür die Altspurdenker auf die Ausweglose Straße verfrachtet werden. Mit Verweis auf das gespeicherte Wissen in Positroniken kann man (als Cairaner und Handlanger) immer auf das Neue Wissen verweisen, demnach das mit der Erde nur Humbug war, was gerade durch möglichst viele im Umlauf befindliche Varianten (s. die Kürzestgeschichten am Heftende) intensiviert wird: niemand kann sich noch durch das dickichthafte Sediment an Wahrheiten, bloßen Erzählungen und Geschichten nach all den Jahrhunderten SICHER bis zum Kern vorarbeiten, weil den Geschichtswissenschaftlern anscheinend die seriös verwendbaren Datenbanken fehlen, weil für alle übrigen laien der Strudel an Halbwahrheiten und Fake News undurchschaubar geworden ist, dass sie schon aus praktischen Erwägungen nicht mehr allzu viel darauf geben, solange sie in ihrem Teil der Wirklichkeit klarkommen. Das vermengt sich dann zu einer Neuen Realität, zu einer Hyperrealität gegenüber der vorigen, in der nun Dinge denkbar und aussprechbar sind, wonach gehandelt wird, die zuvor undenkbar waren:
    https://www.heise.de/tp/features/Kommunikation-Was-zeichnet-Code-Revolutionen-aus-4246072.html
    Nun ist die Erde halt nur noch mythos oder – achselzuckend – was auch immer, und man spinnt sich seine gegenwärtig nützlichen Geschichten darum, macht daraus Touristenattraktionen, die eine Vergangenheit vortäuschen, die es so nie gab (Retroland, s.u.).
    Bin gespannt, wie das weiter ausgebreitet wird, wie das aufzulösen ist (Bully, der Reg genannt wird wie in NEO, und der „Maghan“ scheinen ja noch da zu sein und dank ZACs auch noch erinnerungsfähig) und was das eigentliche Problem wird: denn einen Kontraposizid einzuleiten, kann’s nicht sein, wäre auch bloß eine technische Option, womit man sich selber cairanischer Mittel bediente und ein Neuneuwissen etabliert hätte, dass genauso konstruiert wäre und für Unbedarfte gleichermaßen un-/glaubwürdig wäre. Insb. fürs Zyklusende spannend und den Zyklen danach, da man das m.E: so NICHT MEHR rückgängig machen kann (außer es wäre ein Paralleluniversum, in das das Gezeitenfeld sie strudelte und aus dem hinauszufinden die (Haupt)Aufgabe wäre – dagegen spricht ggf. aber Bullys Anwesenheit, außer da kam noch viel viel mehr in „Unordnung“). Usw.
    Für das besagte Meta, an dem ich mich so erfreue:
    – Jean Baudrillards hyperreale Simulationsgesellschaft
    https://de.wikipedia.org/wiki/Simulacres_et_Simulation
    (Terra dann als Simulacrum, als Anschein von etwas, was – cairanisch angeblich – gar nicht existiert hat, was uns Perry aber besser wissen will)
    – Valentin Groebners RETROLAND, wie Vergangenheit insb. touristisch retroaktiviert als Geschichte erst Gegenwartsbedeutung erlangt:
    https://www.zeit.de/2018/37/retroland-geschichtstourismus-sehnsucht-authentischen-valentin-groebner

    DENKBAR, dass Kulturwissenschaftler Vandemaan solcherlei Ideen und Gedanken hat einfließen lassen und das nicht bloße assoziative Spinnereien meinerseits sind

    Auf gute Lektüre fortan

    1. Erst einmal vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar mit neuen Denkanstößen. Beim Lesen hatte ich eine weitere Assoziation. Du beschriebst den Posizid und die Datensintflut als perryversiale Fakenews. Klar, daran dachte ich auch, auch wenn die Autoren immer wieder bestreiten, Parallelen zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen zu schreiben.
      Aber da steckt noch eine sehr feine literarische Parallele drin: Deuten die Augenschiffe der Cairaner meiner Ansicht nach klar in Richtung 1984 mit Big Brother, greift der Posizid eine Idee von Aldous Huxley auf, der ja in seiner schönen neuen Welt seine Bevölkerung mit jeder Menge Schwachsinn aus Bildschirmen flutet, unter denen die wirklichen Informationen dann verloren gehen.
      Was jetzt die 500 Jahre angeht: Klar mögen die auf den ersten Blick zu kurz sein, aber ich bin mir sicher, dass da noch eine Erklärung kommen wird, schließlich ist Perry ja selbst erstaunt. Für mich waren die 493 Jahre erst einmal eine schöne Reminiszenz an die berühmt berüchtigten 993 Jahre aus alten Serienzeiten, die ja heute noch heiß diskutiert werden. Gut möglich, dass wir bei Band 4000 immer noch über den Sinn und Unsinn des 3000er Sprung fachsimpeln. Lassen wir es auf uns zukommen.
      Und natürlich wünsche ich auch dir fortan gute Lektüre.

      1. Tach Martin.
        Danke für die Re-Anregung: an 1984 und Schöne neue Welt dachte ich gar nicht, motivisch passen sie aber genauso gut und sind natürlich science fictionale Klassiker par excellence. Auf jeden Fall vermittelt der Anblick der Cairaner-Schiffe, wozu sie da sind, was deren Zweck und Funktion ist: (be-/über)Wachen, ein Auge auf die „Schäfchen“ haben, die im Friedensbund vereint sind – also argusäugige Wachhunde, die eventuell nicht bloß bellen, sondern auch beißen.

        Naja naja, solange die Perry-Autorschaft diesseits der Realität existiert und nicht nur deren multidimensionalen Extrakte zu uns ausgelagert werden (=Heftroman), solange sind sie auch motivisch angeregt und beeinflusst durch ihre Lebenswelt. Da gibt es zu 100% sicher nicht nur innerhalb des Perryversums Bezüge zurück zu den MdI, Laren usw. (vertikale Achse), sondern auch perryversal verwurschtelte (intradiegetisch probabel gemachte) Eindrücke und aufgegriffene Motive von dieser Erde (horizontale Achse).
        Tolkien hat auch stets klar behauptet, er hätte niemals je die Absicht gehabt, die Realität im HdR zu spiegeln – dennoch schwingt da – frei nach John Garth (Tolkien und der Erste Weltkrieg) – motivisch enorm viel mit, was er währenddessen in den Schützengräben erleben musste, wie sich für ihn Freundschaft ausformt usw. Als „Fernen Spiegel“ darf man das dann durchaus ausdeuten. Heißt ja eben und ausdrücklich nicht, dass da eins-zu-eins „reinkopiert“ wird, sondern nur Ideen, Umstände, Begebenheiten von diesseits dort perryfiziert/ins perryversale Gewand gegossen wird.
        dass bspw. Feldhoff den mit 9/11 im Westen bewusst gewordenen Terrorismus als Motiv aufgegriffen hat und die eine Handlungsebene auf der Erde rund um Mondra Diamond im Sternenozean-Zyklus 2004, also mit 3jähriger Verzögerung einbaute, was Zyklusvorplanungszeiten gut entsprechen dürfte, finde ich einfach zu überdeutlich: Terranische Terroristen, die Anschläge mit Gleitern verüben, während die demokratische Regierung um den Umgang mit ihnen ringt. Perryversal war hier dann, dass der „Gott“ sich als Superintelligenz erwies und in diesem Sinne begreif- und am Ende nunmal auch besiegbar war und daraufhin der quasi messbare Einfluss auf die Terraner aufhörte. Sprich, da kommen immer perry-spezifische Elemente dazu, die das ausreichend stark verändern und zur „Hyperrealität des Perryversums“ ausformen (notfalls weil es dort weit mehr als nur 4D gibt).
        In diesem Sinne ist es auch alles nur kein Vorwurf, wenn ich (oder wer auch immer) das assoziiere/unterstelle; verstehe dann auch nicht, wieso die Autoren das prinzipiell bestreiten wollen/meinen zu müssen. Bei Star Trek DISCOVERY ist m.E. die Motivlage ebenso deutlich, dass es ein Serienkind seiner Zeit ist, düstere Anleihen bei GoT nahm, vielfach nach DEM Franchise schlechthin (Star Wars) ausschaut, auffallend viel religiöse Motive in einer – zumindest jenseits des Westens – re-religiosierten (? Gibt es das Wort? :-D) Welt aufgreift usw. Die (Serien)Vergangenheit wird für die Gegenwärtigen erst dann zur annehmbaren Geschichte, wenn sie ins gegenwärtige Gewand gekleidet wird, also durch Gegenwartsrelevantes „aufgepeppt“ wird. Und „1984“‚ Big Brother hat mit NSA&Co. ja jungvitale Nacheiferer gefunden…
        Wäre da eher fraglich und höchst irritierend, wenn Expokratur und auf den Konferenzen die übrige Autorenschaft frei von lebensweltlichen Einflüssen bliebe. Spätestens Leo Lukas kann bei starkem Gebrauch von Terranostalgikern mit profunden Kenntnissen des 20. Jhdt und auffallend oft auch von Wien eine gewisse Prägung schwerlich leugnen:-). Apropos: Sonst trotz noch so vieler Terra-Versetzungen und -Verwüstungen wimmelte es nur so vor Nostalgikern, die lieber vor 3000 Jahren gelebt zu haben schienen und Shakespeare u.Ä. nur so daherzitieren können – wo sind die denn alle hin? Bis eben Nostalgiker, aber weil die Positronik posizidiert nichts mehr ausspuckt, lässt man’s dann halt bleiben? Einmal Nostalgiker, immer Nostalgiker – das ist Tradition, die vererbt wird. Da müssten sich noch einige finden, die meinetwegen von Cairanern „weggeguckt“ werden, aber in analogen Offline-Zirkeln ihrer traditionalen Leidenschaft frönen.
        Wie gesacht, eh alles nicht schlimm – im Gegenteil, macht es nur vielschichtiger.
        @500Jahre: mein Einwand war auch eher als „Rätselraten“ gemeint, dass hinter den 500Jahren mehr stecken muss bzw. es NOCH erklärungsbedürftig ist, wie derart grundlegend und nachhaltig galaktopolitisch ein über Jahrtausende wirkmächtiges, ES bevorzugtes, feindfokussiertes Volk so völlig in verzerrte Erinerung geraten kann trotz gegenwärtiger sog. „Terraner“. Wenn Akonen und/oder Antis alter Prägung die Terraner lieber früher als später vergessen/VERDRÄNGEN möchten, geschenkt. Wieso das aber z.B. Ferronen oder Swoon sollten, außer sie werden zart dazu cairanisch genötigt, möge noch fabuliert werden.

        Glaube, dass – KEINE PANIK, spoilerfrei – Nr.3001 uns da erste Hinweise gibt, wohin die Reise gegangen ist. In diesem Sinne: ich lese dann mal weiter:-)

        Eldhoverd

        1. Erste Hinweise gibt es tatsächlich, was für mein staunendes kleines Hirn die Sache aber nur noch rätselhafter macht. Cairaner, Lahdonen … alles sehr zwielichtig. Und was das Thema „Parallelen“ angeht, so habe ich gerade noch einmal die Overhead-Romane gelesen. Natürlich sind das Zeugnisse des kalten Krieges, aber die Einsicht, dass die Menschheit nur in Freiheit Fortschritte machen kann und niemals in einer Diktatur… aktueller geht es doch nicht.

          1. Ja, sobald die unser-irdische Ausgangslage übernommen wird, erfolgt eine perryversale Transformation, die – dankenswerterweise – stets die Tendenz zur Utopie hat, dass man das Übel überwinden und auflösen kann. Heft1 startete im Kalten Krieg, weil es ihn real für alle LeserInnen eindrücklich gab und als Setting für sie anschlussfähig war, um ihn dann zum Besseren, zur Einigung der Menschheit drittmächtig zu wenden (eine Macht, die dort singulär einschlug und die Geschichte änderte, die wir aber nicht haben). Und besagte Sternenozean-Terroristen konnten, perryversal ganz anders als bei uns möglich, durchs Ausschalten verursachender SI auch wieder besänftigt werden. In diesem Sinne möchte ich auch gar nicht von „Parallelen“ sprechen, da die Gleise in die Zukunft hier und dort anders verlaufen, nicht parallel liegen, nur sich tangential gelegentlich streifen, selbst wenn manche Bahnhöfe gleichscheinen.

            Im Übrigen: Die Antwort auf diesen Zyklus, die uns Wim Vandemaan bereits in Heft 2811 (Bote der Atopen) in kap.10 gab, lautet:
            »Die größte Kunst ist nicht, jemanden eine Lüge glauben zu machen, sondern ihn an der Wahrheit zweifeln zu lassen.«
            (Attilar Leccore – Geheimdienstchef – gegenüber Flottenadmiral Fenckenzer)
            Daher, so meine Annahme, geht es für die Cairaner (oder wen auch immer, falls wer hinter ihnen steht und sie nur ausführendes Organ sein mögen) nicht ums aktive Lügen, sondern proaktives Wahrheitszweifelnlassen; die Unsicherheit streuen, dass die Schale der Wahrheit eventuell gar nicht so unzerbrechlich hart ist, wie man bisher glaubte. Und je mehr hierzu im Umlauf ist, desto weniger klar ist die Wahrheit zu wissen, wird sie zu nur noch einer Wahrheit, der man dann umso ratloser gegenübersteht.
            Und passend zu den Cairanern, die sich als Friedenswahrer ausgeben, als Diplomaten um des Friedens wegen auftreten, von Leo Lukas (2797 DAS LAND COLLTHARK, Kap.5):
            „Aber Diplomatie hieß oft, die ersichtliche Unwahrheit als gut gemeinten Diskursbeitrag zu verkaufen.“
            Genau genommen natürlich andersherum als bei Zitat1, hier ist die Unwahrheit Ausgangspunkt – passt aber genauso gut, eben weil für Perry DIE WAHRHEIT ist, dass es Terra gab und er von dort stammend nunmal Der Terraner geworden ist, deren unwahres Gegenteil nun der „cairanisch gutgemeinte Diskursbeitrag“ wäre..
            In beiden Sinnen wird dann gelten:
            „Der Edelstein böser Worte ist schwer zu schleifen.
            Akugen no tama wa migaki-gatashi.”
            (jap. Sprichwort – „böser“ zu ersetzen durch „zweifelnder“)
            Und wo die Terraner i.a.R. nicht mehr an Terra glauben, eben weil es ja nur noch mythos sei:
            „Wirklichkeit ist das, was bleibt, wenn man aufhört, daran zu glauben.“ „Philip K Dick)
            Dass Terra nur noch Mythos ist, narrative warme Luft, ist nun die (cairanische) Wirklichkeit dieser Epoche, eben weil niemand (zu wenige) an das faktische Terra glauben, nur weil es anscheinend nicht mehr im Solsystem zu sehen/orten ist.
            Abschließend frei nach US-Präsident Truman: „Kannst du sie nicht überzeugen, verwirre sie.“
            Ob die Cairaner je zu überzeugen versuchten, wissen wir freilich noch nicht.

            Zitatlos noch zu den Cairanern und deren Friedensbund, der ja nomen est omen friedlich und nett und daher eigentlich doch auch gut klingt: Innerhalb dieses ihres Budnes sind die Cairaner sicher sowohl Exekutive (die „Verbrecher“ welcher Art auch immer genau gefangensetzen darf/kann) als auch Judikative (die zugleich auch den Urteilsspruch als Strafmaß in Form der Verbannung auf die Ausweglose Straße und v.a. des Vital-Suppressors „hochrichterlich“ festlegt). Sprich: eine kolossale Machtfülle, die sie sich rausnehmen/zu eigen gemacht haben und von dessen Machtgipfel sie freilich freimütig Frieden ausrufen können.

            Und ja, Heft3001 liest sich KLASSE – aber dazu dann an passendem Orte, um Mitlesende nicht ungewollt spoilerzukillen

          2. Ja, 3001 habe ich auch durch, und genoss. Aber nun werde ich mich mal wieder verstärkt der Aphilie widmen und Charaktere wie Alaska Saedelaere und Galot Quohlfahrt genießen. Die Handlung ist mir gerade (Stand 770 recht verfahren, aber es sind starke Einzelromane dabei).

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